Es ist dunkel, ein Lichtkegel scheint durch den Türspalt und du ahnst nicht, dass dich nur wenige Zentimeter von einer äußerst schmerzlichen Erfahrung trennen. Eigentlich wolltest du deiner Tochter nur einen Gutenachtkuss auf die Backe drücken. Den Burgenbau-Nachmittag mit Nachbarskind Maxi hast du dabei schon lange vergessen. Und plötzlich passiert das Unvermeidliche: Du trittst auf einer dieser kleinen, bunten LEGO-Bausteine und durchlebst nahezu Höllenqualen.

Bild von Lego-Soldaten, die eine Attacke auf die Füße von Menschen planen.

Lego-Verschwörung – Source: 9gag

Hätte der dänische Spielzeughersteller 1949 doch nur den Double Diamond Prozess angewendet, dann wären die Klötze jetzt vielleicht aus weichem Gummi, würden Füße magnetisch abstoßen oder sich gar selbst aus dem Weg räumen. Was hier am Beispiel von LEGO nicht ganz ernst gemeint ist, passiert jedoch in zahlreichen Unternehmen tagtäglich. Nur dass es dabei viel weniger bunt, auffällig und laut zugeht.

Du entwickelst also Produkte, die zwar bei gewissen Zielgruppen ideal funktionieren (spielende Kinder), gleichzeitig jedoch andere Nutzer komplett ignorieren (schmerzerfüllte Eltern). Oft geschieht dies unbewusst und weil dem Projekt nicht ausreichend Zeit gegeben wird. Hier kann der Double Diamond Prozess für Abhilfe sorgen.

Wir beginnen mit einer Einführung, in deren Rahmen der Double Diamond Prozess und die Geschichte dahinter erklärt wird. Im zweiten Teil dieses Beitrages gehen wir dann genauer auf die vier Prozess-Phasen und deren Anwendungen ein.

Was ist der Double Diamond Prozess und wie hilft er dir im Alltag?

Der Double Diamond ist eine Visualisierung des Kreativprozesses, oder eines Design Sprints und ermöglicht jedem UX Designer, die Bedürfnisse seiner Nutzer gezielt zu verstehen und einzusetzen.

Der Prozess hilft dem Team, gemeinsam in dieselbe Richtung zu arbeiten und kann optimal als Kommunikationsmittel in Meetings verwendet werden, zum Beispiel, wenn du deinen Vorgesetzten über den aktuellen Stand im UX Prozess informieren musst, oder einem UX-Fremden veranschaulichen willst, wo und wie Nutzerwissen in deinem Unternehmen verwendet wird.

Entwickelt wurde der Double Diamond Prozess von der britischen Stiftung „British Design Council” im Jahr 2005. Als offizieller Design Consultant der britischen Regierung wirkt die Stiftung aktiv bei der Zukunftsentwicklung des Landes mit und konzeptionalisiert Lösungen im Sozialwesen, bei Umweltanliegen sowie im Bereich Wirtschaft. Der Double Diamond Prozess wurde dabei intern entwickelt, um kreative Abläufe aus den unterschiedlichsten Bereichen zu vereinen und zu visualisieren.

Die 4 Phasen des Double Diamond Prozesses

Der Double Diamond Prozess besteht aus zwei diamantförmigen Bereichen und ist in vier Phasen unterteilt. Der erste Diamant beinhaltet zwei Phasen und ist der Informationssammlung bzw. dem User Research gewidmet, also dem Fragen, Zuhören und Sortieren. Der zweite Diamant und seine zwei Phasen dienen der Informationsverarbeitung bzw. dem iterativen Design-Prozess. Das Kreieren, Testen und Designen sind hier die Hauptaktivitäten.

Der Double Diamond Prozess für User-centered Design.

Der Double Diamond Prozess für User-centered Design.

In einer perfekten Welt startet der Prozess mit einem Auslöser (etwa einem neuen Projekt oder einem Design Sprint), wechselt mit einem klar definierten Problem in den zweiten Diamanten und endet in einer fertigen Design-Lösung am Ende des zweiten Diamanten. Wie du vielleicht bereits ahnst, läuft dies in der realen Arbeitsumgebung jedoch häufig weniger geradlinig ab. Oft ist es erforderlich, zwischen den Phasen vor- und zurück zu iterieren und gewisse Schritte zu wiederholen, wenn die gewünschten Resultate noch nicht erzielt werden konnten. In den folgenden Abschnitten werden alle vier Phasen im Detail betrachtet und erörtert:

  • Phase 1: Verstehen des Problems
  • Phase 2: Definieren des Problems
  • Phase 3: Entwickeln von Lösungsansätzen
  • Phase 4: Entscheidung und Entwicklung der Lösung

Die Lösung (resp. das Endresultat) muss dabei nicht zwingend eine Antwort auf den ursprünglichen Auslöser sein, da im Laufe des Design-Prozesses durch kontinuierliches User-Feedback oft neue Problemquellen gefunden werden. In diesem Falle würde man am Anfang des zweiten Diamanten eine alternative Problemdefinition festlegen.

Der Prozess ist dabei nicht gezielt linear. Es kann zwar geradlinig von Start bis Ende durchgearbeitet werden, häufig ist es jedoch erforderlich, zwischen den Phasen vor und zurück zu iterieren und einen Schritt zu wiederholen, wenn die gewünschten Resultate noch nicht erzielt werden konnten.

Phase 1: Verstehen des Problems – User Research

Wie bereits erwähnt, startet jedes neue Design-Projekt mit einem Auslöser. Dieser kann verschiedene Formen annehmen. Hierzu gehören zum Beispiel User-rapportierte Usability-Probleme, neue Produktideen, oder die Verbesserung eines bestehenden Produktes. All dies sind mögliche Ausgangssituationen. Die erste Phase dient in der Regel dem User Research, der Marktrecherche und resultierend daraus dem Verstehen des Problems, das du lösen möchtest. Dabei sammelst du so viele Informationen zum Thema wie möglich und sprichst mit allen potentiellen Zielgruppen. So möchtest du zum Beispiel herausfinden, wieso eine vermeintliche Kundengruppe das eigene Produkt nicht nutzt oder wieso eine nicht direkt adressierte Zielgruppe reges Interesse zeigt.

Erste Phase des Double Diamond Prozesses. Verstehe den User.

Phase 1 des Double Diamond Prozesses: Den User verstehen.

In dieser Phase steht der User im Mittelpunkt. Wir versuchen, seine Präferenzen, Motivationen und Probleme bestmöglich zu verstehen. Hierzu können einige bewährte User Research-Methoden eingesetzt werden. Kombiniere mehrere User Research-Methoden, um deine Hypothesen zu bestätigen und beste Ergebnisse zu erzielen.

Typische User Research-Methoden in der ersten Phase:

Häufige Stolperfallen

Voreingenommenes Research – Eine Schwierigkeit in der ersten Phase besteht darin, bestehende Annahmen zu Kernprobleme und Lösungsideen beseitige zu legen und völlig unvoreingenommen in die Recherche zu starten. Vielleicht beschäftigst du dich schon seit Monaten mit dem Problem und möchtest so schnell wie möglich eine Lösung finden. In der ersten Phase des User-Research ist dies jedoch ein falscher Denkansatz. Hier geht es darum, alles zu hinterfragen. Darum, seine Fühler möglichst in alle Richtungen auszustrecken und auch Bereiche zu beleuchten, die auf den ersten Blick nicht offensichtlich als relevant erscheinen.

Zu viel Research – Das Einholen von User Feedback ist wichtig. Doch Achtung, hier kann man sich auch schnell verlieren. Das exzessive Sammeln von Daten birgt die Gefahr, dass du nahezu süchtig nach mehr Informationen wirst und kein Ende mehr findest. Man kann nie alles erfassen. Es wird immer Fragestellungen geben, die du noch in mehr im Detail erforschen könntest, und es wird auch immer Experten geben, die mit noch weiteren wohlgemeinten Ratschläge und Hypothesen daherkommen. Hier hilft es, dir eine feste Frist für den Abschluss deiner Recherche zu setzen, um dann zur nächsten Phase überzugehen. Wie bereits erwähnt, verläuft der Double Diamond Prozess nicht unbedingt linear. So oder so wird der Moment kommen, an dem du auch in einer nächsten Phase nochmals recherchieren kannst und musst. Es ist jedoch hilfreich, sich von Beginn an Vorgaben zu machen, wann welche Phase starten und wann diese abgeschlossen werden soll.

Phase 2: Definieren des Kernproblems

Auf das Sammeln von Daten folgt nun die Phase, in der wir unser Feedback sortieren, auf gemeinsame Muster hin untersuchen und erste Hypothesen erstellen, die das Problem definieren. Du wirst merken, dass durch das gesammelte Feedback viel mehr Probleme aufgezeigt werden als in deiner vordefinierten Problemstellung. Hier gilt es unbedingt zu hinterfragen, ob die Ausgangslage noch relevant ist oder ob ein anderes aufgedecktes Problem mehr Potential hat, die User Experience zu verbessern.

Zweite Phase des Double Diamond Prozesses. Problemdefinition.

Phase 2 des Double Diamond Prozesses: Das Problem definieren.

In der zweiten Phase sind vor allem Research-Methoden hilfreich, mit denen die Problemstellungen eingegrenzt und Ziele definiert werden können, um das Problem anzugehen.

Typischerweise eingesetzte Methoden in dieser Phase

  • Pinnwand mit Post-its, mit der es möglich ist, Muster und Gruppierungen aufzuzeigen, zu verschieben und zu iterieren.
  • Projektplan inkl. Zieldefinition und Meilensteinen

Häufige Stolperfallen

Priorisierung ist das oberste Gebot – In der ersten Phase war es wichtig, so offen wie möglich zu sein. In dieser Phase ist das genaue Gegenteil gefragt: Hier musst du so pragmatisch wie möglich sein. Gefährlich wird es, wenn du versuchst, mehrere Probleme in eine Definition zu packen und die Lösung zu einer eierlegenden Wollmilchsau mutiert. Fokus und Klarheit sind die wichtigsten Ziele am Ende dieser Phase. Eine klare Definition des Problems hilft dir, deine Lösungsansätze in der nächsten Phase einzugrenzen. Ein Problemklumpen, mit dem man versucht, alles auf einmal zu lösen, führt letztlich zu einer unklaren Ausgangslage und zu einer verwaschenen, unbefriedigenden Lösung. Alle Bereiche, die du in diesem Prozess nicht abdecken kannst, kannst du natürlich als Ausgangslage für weitere Projekte verwenden. Damit gehen diese nicht verloren. Sei also diszipliniert, und konzentriere dich auf das vielversprechendste Problem, das du identifiziert hast.

Phase 3: Entwickeln von Lösungsansätzen

Mit der Ausgangslage einer klar definierten Problemstellung geht es nun an die Entwicklung von Lösungsansätzen. Zuerst wird hier die Quantität überwiegen. Durch Brainstorming, Ideation und Workshops mit deinem Team (oder sogar mit deinen Usern) generierst du unterschiedliche Ideen, die als potentielle Lösung dienen.

Phase Drei des Double Diamond Prozesses: Lösungsansätze erarbeiten.

Phase 3 des Double Diamond Prozesses: Lösungsansätze erarbeiten.

Wenn du 3-4 solide Lösungen für das Problem deiner User identifiziert hast, teste deine Ideen kurz. Entwickle einfache Low-Fidelity-Prototypen oder Mockups, und zeige deiner Zielgruppe die 3-4 Varianten, die du erarbeitet hast. Es geht darum, möglichst schnell relevantes Feedback zu erhalten. Welcher Prototyp scheint das identifizierte Problem deiner User an der Wurzel zu packen und zu lösen? Wo bestehen noch Unklarheiten oder Unsicherheiten bei den Benutzern? Um dies herauszufinden, eignen sich die Methoden Guerilla Testing oder Remote User Testing besonders gut.

Typischerweise eingesetzte Methoden in dieser Phase

Häufige Stolperfallen

Vorschnelle Lösungseingrenzungen – Nachdem du die Datenflut aus dem ersten Teil minimieren konntest, ist es verlockend, nun direkt in die Lösung zu springen. Es ist jedoch wichtig, dass du dir hier nochmals kreativen Freiraum gibst. Lasse viele Ideen zu und denke auch außerhalb des gewohnten Rahmens. Brainstorming und Ideation wollen gelernt sein. Dabei ist es wichtig, dass du noch nicht urteilst, keine Ideen frühzeitig abklemmst und damit eventuell mögliche Ansätze im Keim erstickst. Erinnere auch andere daran, wenn du im Team arbeitest und brainstormst. Sätze wie „das wird niemals möglich sein”, „das ist technisch nicht umsetzbar” oder „das kostet viel zu viel Geld” sind Gift in dieser Phase. Jeder noch so übertriebene oder scheinbar unmögliche Ansatz kann inspirierend wirken und zu anderen Ideen führen.

Bauchnabel-Sicht – Eine weitere Hürde ist die „Bauchnabel-Sicht”, die du innerhalb eines Teams oder eines Unternehms entwickeln kannst. Wenn etwas „bis jetzt immer so gemacht” wurde oder „nie möglich” war, schränkt dies deine Denkprozesse ein. Hier können frische Ideen von außerhalb helfen. Dabei muss es sich nicht immer unbedingt um Experten oder Kreative handeln. Branchenfremde Personen haben eine komplett andere Denkweise und bringen so ebenfalls interessante Ansätze ins Spiel. Auch zukünftige Nutzer des Produktes können hier wertvollen Input liefern und zur Ideenfindung beitragen.

Phase 4: Entscheidung und Entwicklung der finalen Lösung

Phase 4 dient als letzter Prozessschritt und soll demnach auch eine konkrete Lösung hervorbringen. Nachdem du in der vorherigen Phase deine Lösungen bis auf 3-4 Favoriten eingrenzen konntest, ist es jetzt an der Zeit, das Feedback deiner Rapid-User-Tests zu evaluieren und diese anhand von Kriterienkatalogen einander gegenüber zu stellen. Auch hier ist es absolut erlaubt, erneut zu iterieren, z. B. mit einer weiteren Brainstorming-Runde, bei der deine Lösungen konkretisiert werden.

Phase 4 des Double Diamond Prozesses: Entscheidung und Entwicklung der Lösung.

Phase 4 des Double Diamond Prozesses: Entscheidung und Entwicklung der Lösung.

Wenn sich eine oder zwei Lösungen als vielversprechend herauskristallisieren, beginne damit, deine Prototypen in einem höheren Detaillierungsgrad zu entwickeln. Je nach Produkt oder Dienstleistung kannst du diese HiFi (clickable) Prototypen dann mit passenden UX Testing-Methoden evaluieren.

Hier bieten sich z. B. moderierte Remote- oder In-House-Benutzertests an. Auch hier ist wichtig, nicht voreingenommen in die Tests zu starten. Höre deinen Testbenutzern zu. Gibt es noch unverständliche Funktionen oder Benutzerabläufe? Verstehen die Nutzer den Benefit der präsentierten Lösung? Es ist besser, solche Unsicherheiten in dieser Phase zu erkennen und zu beheben als im Nachhinein während der Entwicklungsphase oder gar nach dem Produkt-Launch.

Typischerweise eingesetzte Methoden in dieser Phase:

  • Raster & Kriterienkataloge, die bei der Selektion helfen
  • High-Fidelity-Prototypen, Klick-Prototypen
  • Verschiedene Testmethoden (je nach Produkt/Dienstleistung) wie z. B. moderierte Benutzertests

Häufige Stolperfallen

„Kill your darling” –  vielleicht hast du dich bereits in der Entwicklungsphase in eine Idee verliebt. Häufig ist dies eine Idee, an der du persönlich am meisten Freude hättest. Vielleicht, weil es besonders spannend wäre, sie umzusetzen oder sie besonders innovativ ist. Doch Achtung, dadurch verlierst du schnell die Offenheit gegenüber dem Nutzerfeedback, das in dieser Phase zwingend eingebunden werden muss. Ein Produkt kann noch so innovativ sein, wenn es der Nutzer nicht versteht, war die ganze Entwicklung umsonst. Deshalb ist es wichtig, nüchtern und sachlich zu bleiben. Vielleicht hilft es dir, wenn du die Rückmeldungen der Nutzer in deinem Team auswertest. So läufst du nicht Gefahr, unbewusst Meinungen hervorzuheben, die dir zwar gefallen, aber eigentlich nicht relevant sind.

Fazit: Nutzerzentriertes Denken und Handeln braucht einen konsistenten Prozess.

Der Double Diamond Prozess ist der ideale Begleiter durch den Design-Prozess in jedem Team. Durch die zusätzliche Visualisierung des Prozesses versteht jeder im Team, welche Phase gerade ansteht und welche Schritte folgen. Der Prozess hilft dir, eine klare Roadmap aufzustellen und Nutzerfeedback von Anfang an einzuplanen. Zudem dient dir der Double Diamond als Visualisierung für die Kommunikation in Meetings mit involvierten Stakeholdern.

Die vier Phasen nochmals im Überblick:

  • Phase 1: Verstehen des Problems
  • Phase 2: Definieren des Kernproblems
  • Phase 3: Entwickeln von Lösungsansätzen
  • Phase 4: Entscheidung und Entwicklung der Lösung

Die Anwendung des Prozesses birgt viel Spielraum und Potential, doch denk daran: Erst Übung macht den Meister. Gib dir und deinem Team Zeit, diesen nutzerzentrierten Prozess zu verinnerlichen. Du wirst sehen, dass du ein natürliches Selbstvertrauen in deine Produktentwicklungs-Entscheide gewinnst, weil nicht länger deine Annahmen im Vordergrund stehen, sondern das sorgfältig gesammelte und evaluierte Feedback der Personen, die das Produkt letztlich benutzen werden. Übrigens bewegt sich heute auch bei LEGO Design-technisch so einiges. So haben sie eigens die Serious Play-Methodik entwickelt, um die User Experience darzustellen. Vielleicht kommen ja auch bald ganz neuartige und schmerzfreie Lego-Steine auf den Markt.

Ich freue mich über dein Feedback, deine Anregungen oder Fragen. Wie funktioniert der Design- oder UX Prozess in deinem Team? Was sind eure Best Practices?

Double Diamond Diagram

Poster zum ausdrucken: Double-Diamond Prozess für nutzerzentriertes Design

Hänge das Poster bei dir im Büro an die Wand, schenke es deinen Teamkollegen oder nimm es zur Gedankenstütze mit ins Strategie-Meeting.

 

Wenn du dein Wissen vertiefen willst: Dan Nessler hat einen sehr interessanten Beitrag zum Thema verfasst:
How to fuck up the design thinking process and make it right